Heute ist es ziemlich frisch auf dem Balkon, gerade einmal 16°C und auch leicht windig. Ein grauer Tag, und ich bin ein wenig frustriert, weil nun auch noch das Wetter mich im Stich lässt. Aber der Kaffee und die Zigarette müssen trotzdem sein. Es ist erstaunlich, wie schnell mich diese Gewohnheit in den Griff bekommen hat. Es hat mit Zoés Einzug hier begonnen, eine Reminiszenz an alte Zeiten, die wir an gemeinsamen Abenden wieder aufleben ließen, und hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.
Heute Nacht hatte ich einen Traum. Ich saß im Hörsaal der Uni mit weit gespreizten Schenkeln vor einem gut gefüllten Auditorium und rieb meine Perle vor allem Augen zu einem gigantischen Orgasmus. Schon seit Samstag hast du mich, was das angeht, immer wieder bis kurz vor den freien Fall getrieben, um dann doch im letzten Moment noch abzubrechen. Am Freitag Abend im Café Einstein hast du mich das letzte Mal gefickt, nackt und vor den Augen des Personals, das gerade dabei war die Stühle hochzustellen, und viel zu müde, um zu protestieren.
Doch seitdem hast du mich nicht mehr angerührt, hattest dazu ohnehin ja kaum wirklich Gelegenheit, weil du ständig unterwegs warst. Vier Tage ohne jedwede sexuelle Aktivität, von meinem Weckdienst einmal abgesehen, und ich bin so untervögelt, dass ich alles dafür tun würde, endlich kommen zu dürfen. Wenn du mir das Szenario aus meinem Traum vorschlagen würdest, könnte ich für nichts garantieren.
Doch es kommt, so wie eigentlich immer, ganz anders als gedacht.
Du kommst aus dem Badezimmer und trägst zu meinem Erstaunen nur deinen seidenen Kimono, als du dich mit gegenüber in den Korbsessel fallen lässt. Ich serviere dir deinen Kaffee, setze mich wieder hin, und dann tue ich etwas, das ich bislang nur auf deine Anweisung hin getan habe. Ich hebe meine Füße an und lege die Kniekehlen meiner Schenkel über die hohen Armlehnen des Sessels. Nun sitze ich maximal gespreizt vor dir und das mehr als feuchte Glitzern meiner rosigen Lippen fleht förmlich um Befriedigung.
Du grinst.
“So dringend?” fragst du und ich nicke, geradezu bettelnd, mit dem niedlichsten Augenaufschlag, zu dem ich in der Lage bin..
“Tu dir keinen Zwang an.” sagst du so, als wäre das nie ein Problem gewesen, und ich verfluche dich innerlich für diese dreiste Verharmlosung meiner letzten Tage.
Natürlich hast du mir diese Option auch vorher schon beinahe täglich angeboten, aber ich war bislang immer davor zurückgeschreckt. Jetzt denke ich an Alara und ihr im Hinterhof widerhallendes Stöhnen und wie von selbst finden meine Finger den Weg hin zu meinem Lustzentrum, zu meiner sehnsuchtsvoll wartenden Perle, zu den erwartungsfroh geöffneten Lippen, und es dauert nicht allzu lange, bis ich nun meinerseits den Hof mit Tönen fülle, die nur sehr bedingt menschlich, aber sehr kreatürlich klingen. Ich falle wieder einmal regelrecht in Trance, vergesse alles um mich herum, und nach dem dritten Orgasmus höre ich auf, zu zählen.
Als ich meine Augen wieder öffne, sitzt du mir immer noch breit grinsend gegenüber.
Ich komme nur sehr langsam wieder runter, habe immer noch einen Puls wie eine Sprinterin nach dem Zieleinlauf, und keuche wie eine dieser alten Dampflokomotiven.
“Na endlich.” schmunzelst du. “Ich dachte schon, dieses Tabu bleibt für immer bestehen.”
Ich traue meinen Ohren nicht. Hast du all das ganz bewusst inszeniert?
“Hast du Alara und Luca schon zum Kaffee eingeladen?”
Ich schüttele den Kopf und mir wird bewusst, dass deine diesbezügliche Anweisung schon zwei Wochen her ist.
“Tu es bitte noch in dieser Woche. Es ist wichtig für deine Entwicklung.”
Ich nicke erneut, wieder einmal sprachlos vor deiner offensichtlichen Klarheit in deinem Handeln. Du begleitest mich Schritt für Schritt zu meinem wahren Selbst und siehst mich in einer Art und Weise, die mehr über mich zu wissen scheint, als ich selbst.
“Heute muss ich nirgendwo hin.” sagst du und mein Herz macht vor lauter Überraschung und Freude einen durch und durch spürbaren Hüpfer.
“Was hältst du davon, wenn wir wieder ins Bett gehen und all das nachholen, was wir in den letzten Tagen verpasst haben?”
Jetzt tanzt mein Herz geradezu vor Freude und ich starre dich beinahe ungläubig an.
Du wartest meine Antwort nicht ab, stehst einfach auf und gehst hinein. Ich sitze noch für einen Moment wie paralysiert auf meinem Sessel, doch dann hieve ich meine Beine von den Armlehnen und tapse hinter dir her. Ich finde dich im Schlafzimmer, malerisch hingestreckt auf das Bett, und ich denke wieder einmal, wie schön du doch bist. Deine honigbraune Haut schimmert geradezu im Kontrast zu den seidenen, schneeweißen Laken, dein durchtrainierter, muskulöser Körper straft dein tatsächliches Alter Lügen, und deine kornblumenblauen Augen scheinen von Innen her zu leuchten, strahlen Vitalität und Lebensfreude aus. Dein graumeliertes, schulterlanges Haar gibt dir die Aura eines Weisen, und die vielen Lachfältchen um die Augen zeugen von deinem unschlagbaren Humor, der sich sehr oft vor allem in deinen Momenten der Selbstironie äußert. Ich krabble auf das Bett und verspüre dabei wieder einmal jene Dankbarkeit, dass ich die sein darf, die du lieben kannst.
Ich küsse und lecke mich deine Beine hinauf bis zu deinem schon angenehm halbsteifen Schwanz und lasse ihn zum zweiten Mal an diesem Morgen in meinem Mund verschwinden. Doch diesmal lutsche ich ihn nur, bis er steil wie ein Mast vor mir aufragt. Dann klettere ich über deinen Unterleib und lasse mich auf ihm nieder. So nass, wie ich bin, hat er keinerlei Mühe, in mich hinein zu flutschen und als ich beginne, mich auf ihm zu bewegen, weiß ich dass es diesmal keine Grenze, kein Stopschild und keine Frustration geben wird. Unsere Körper beginnen, miteinander zu tanzen, werden ein einziges Wirrwarr aus Händen, Armen, Beinen und Geschlechtern, werden Drehungen und Wendungen, heftige Stöße und sanftes Wiegen, doch vor allem ein unaufhörlicher Flow an ineinanderströmender Liebe.
Momente wie dieser sind es, die ich tief in meinem Inneren ersehne, doch ich weiß auch, dass dazu eben auch ihre Entbehrung gehört, dieses Hinfiebern darauf in den Zeiten der Abstinenz, so wie es die letzten Tage wieder einmal gewesen sind. Du hast mich ganz schön zappeln lassen, aber wenn es dann, so wie jetzt, passiert, ist es ein so eruptives, unvergleichliches geschehen, dass es jeden frustrierten Moment im Vorfeld wert ist.
Jetzt sitzen wir uns erneut auf dem Balkon gegenüber. Ich rauche noch eine vor dem Losgehen und du schaust mir lächelnd dabei zu, wie ich diese Zeilen in die Tasten klimpere. Du warst schon unter der Dusche und bist bereits vollständig angezogen, weil wir noch in unserem Kiezcafé frühstücken gehen wollen.
Ich habe dich gebeten, mir noch Zeit für diesen Text zu geben und du hast schmunzelnd eingewilligt. Ich weiß, dass du nicht wirklich verstehst, warum mir das so wichtig ist, aber ich weiß, dass du weißt, dass ich es gerade irgendwie brauche, mich als Schreiberlinchen auszuprobieren.
“Es tut mir leid.” sagst du auf einmal und ich bin wie vom Donner gerührt, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass du auf dieses Thema noch einmal eingehen würdest. Und mit einer Entschuldigung schon einmal gar nicht.
“Ich kann diese Geschäftsreise leider nicht verschieben. Ich habe es versucht, aber es sind zu viele sehr beschäftigte Leute daran beteiligt.”
Ich nicke, und spüre bei aller Einsicht immer noch den Stachel der Enttäuschung.
Du fragst: “Hast du gestern mit Zoé etwas alternativ geplant?”
Wieder nicke ich.
“Wir wollen mit dem Zelt an die Algarve. Nur den Flug nach Faro und dann einfach los.”
Jetzt nickst du und schaust mich einen Moment lang nachdenklich an.
“Gut.” sagst du dann und stehst langsam auf.
“Mach nicht mehr so lange. Ich habe Hunger.”
Im Schlafzimmer wartet heute ein kurzes Strickkleidchen aus Kaschmir auf mich, denn es ist immer noch relativ frisch, wenn auch nicht mehr ganz so wie am Morgen bei meinem ersten Besuch auf dem Balkon. Und auch das Grau ist inzwischen zu einem Mix aus Wolken und blauem Himmel geworden, am Himmel und in meinem Herzen.