Was macht eigentlich der Autor X, der hier in der
Nähe an der slowakischen Grenze leben soll? Für jene, die sich
wunderten, dass es still um den 55-Jährigen geworden ist, dessen Stoffe
oft Schwermut vermitteln, gibt es nun eine schlüssige Erklärung der
medialen Enthaltsamkeit. In der Tageszeitung „Bergens Tidende“
verkündete er, dass er sich von der Bühne zurückgezogen habe. Alle
Auftragswerke seien erfüllt, er werde nun keine Dramen mehr schreiben.
Die Botschaft schmerzt, doch sie ist verständlich. In nicht einmal
zwanzig Jahren hat Herr X mehr als drei Dutzend Stücke geschrieben,
die auf allen Kontinenten aufgeführt werden. Er war für die Bühne
zumindest hinsichtlich des Outputs produktiver als William Shakespeare.
Allein das grenzt an Lästerung. Interessant sind die Begründungen des
Dichters fürs Aufhören. An sich sei er Lyriker. Das macht ihn
sympathisch. X will nun auch wieder „langsame Prosa“ schreiben. Ein
Hoffnungszeichen. Fürs hektische Theater aber sind die Aussagen in dem
Blatt aus Hordaland ernüchternd. Offenbar hat der Druck der Premieren
den Dramatiker genauso fertiggemacht wie die öffentlichen Vorträge.
Diesem Zirkus will er sich ebenfalls verweigern. Vorlesen habe bei ihm
immer Panik erzeugt, nie sei er nüchtern vors Publikum getreten. Und ja,
auch mit dem Trinken sei jetzt Schluss.
Dieser Vorsatz macht mich
ratlos. Sollte man Premieren moderner Stücke als Kritiker denn auch in
betrunkenem oder wenigstens in angeheitertem Zustand erleben? Dann hatte
ich bisher den falschen Ansatz. Die jüngste Beichte des Genius aus dem
Norden macht die Versuchung zur Gelassenheit nicht unbedingt kleiner.
In diesem Beitrag stecken eine Menge Antworten auf die Frage des Threads, oder?
Keine Aufträge mehr, man fühlt sich einer anderen Kunstgattung zugehörig, langsame Prosa statt Dramen, ... und der Alkohol!
Klingt Klaas nicht auch ein wenig nordisch?
baer
P.S.: Als Dramatiker nennt sich der Autor Jon Fosse!