Die Schotterpiste knirscht unter den Reifen meines Wohnmobils, als ich den letzten Abschnitt des Weges hinter mich lege. Tannenwälder rahmen die Einfahrt ein, und zwischen den Stämmen hindurch blitzt das Wasser des Sees auf, bleigrau unter dem späten Nachmittagshimmel. Ich fahre langsam, passe auf, dass ich keine Wurzeln überfahre. Der Tacho zeigt kaum zwanzig. Vor mir liegt der Campingplatz — klein, familiär, mit einer Handvoll Stellplätzen, die sich um eine zentrale Wiese gruppieren. Ein Schild aus Holz, bemalt mit verschnörkelten Buchstaben, verkündet den Namen: „Seeblick." Darunter, kleiner: „Familienbetrieb seit 1972."
Ich bringe das Wohnmobil zum Stehen, schalte den Motor aus. Die Stille, die nun einsetzt, ist fast körperlich. Ich sitze einen Moment lang da und lasse sie wirken. Nur das Ticken des abkühlenden Motors, dann ein Vogel, den ich nicht bestimme, und weiter hinten, vom See her, das leise Klatschen von Wasser gegen einen Steg. Ich atme ein. Tannennadeln, feuchte Erde, etwas Süßliches, das vom Gras kommt.
Ich steige aus. Meine Beine sind steif von der Fahrt — vier Stunden auf der Autobahn, danach die Landstraße, die Kurven, der letzte Aufstieg. Ich strecke mich, rolle die Schultern nach hinten. Das Strickkleid, das ich trage, ein dunkles Oliv, hat sich in der Taille hochgeschoben, und ich ziehe es nach unten. An den Füßen die dicken Wollsocken, die ich immer im Wohnmobil trage — niemand, der mich hier sieht, und das ist mir recht.
Der Platzbetreiber kommt mir entgegen. Ein Mann Mitte sechzig, sonnengegerbte Haut, ein Gesicht wie eine topografische Karte, jeder Falte eine Geschichte. Er stellt sich vor als Walter. Seine Hände sind rau, als er mir die Hand schüttelt, aber seine Art ist warm, unaufdringlich. Er zeigt mir meinen Stellplatz — abseits der anderen, unter einer alten Eiche, mit Blick auf den See. Ich nicke. Er fragt, ob ich allein reise. Ich sage ja. Er sagt nichts weiter dazu, nur: „Dann haben Sie Ihre Ruhe." Ich bedanke mich.
Der Aufbau geht langsam vonstatten, wie ich es mag. Ich hole die Markise heraus, spanne sie auf, stelle den kleinen Campingtisch darunter — zwei Klappstühle, ein Windlicht, eine Thermoskanne, die ich noch von zu Hause mitgebracht habe. Innen richte ich das Bett, lege die Wolldecke zurecht, stelle Bücher auf die kleine Ablage über dem Kopfende. Ein schmales Notizbuch, ein Kugelschreiber, eine Lesebrille. Die große Ledertasche kommt auf den Beifahrersitz, wo ich sie immer habe, griffbereit. Ich wische die Arbeitsfläche in der Küchenzeile ab, fülle den Wassertank, prüfe die Batterie. Alles Routine, alles vertraut. Meine Hände kennen jeden Griff.
Als ich fertig bin, steht die Sonne schon tief. Goldenes Licht fällt flach über die Wiese, wirft lange Schatten der Wohnwagen und Zelte. Der Geruch von Grillfleisch zieht über den Platz, irgendwo lacht ein Kind, und ich höre das Klappern von Geschirr aus dem kleinen Restaurant am Rand der Wiese — eine Holzterrasse mit Blumenkästen und windzeltigen Markisen.
Ich wechsle das Strickkleid gegen ein sauberes, dunkelblaus, streife mir die Wollsocken ab und ziehe die derbe Wanderschuhe an, die neben der Tür stehen. Die Ledertasche über die Schulter, das Notizbuch darin, ein Buch — „Die Verwandlung" von Kafka, diesmal, weil ich es seit Jahren nicht mehr gelesen habe. Ich schließe das Wohnmobil ab und gehe über die Wiese zum Restaurant.
Die Terrasse ist halb besetzt. Stammgäste, wie ich an der Gelassenheit erkenne, mit der sie sitzen — an ihren Tischen, mit ihren Gläsern, als gehörten die Stühle ihnen. Walter steht hinter dem Tresen, nickt mir zu. Ich wähle einen Tisch am Rand, setze mich mit dem Blick auf den See. Das Wasser ist jetzt schwarz, nur noch ein schmaler oranger Streifen am Horizont.
Ich bestelle ein Glas Rotwein und das Tagesgericht — Forelle, wie Walter mir auf Nachfrage verrät. Ich lese, während ich warte. Die Worte von Kafka vertrauen mir langsam, wie alte Bekannte, deren Gesichter ich vergessen hatte. Gregor Samsa erwacht als Käfer. Ich denke an die Verwandlung, an das Festhalten an Formen, die nicht mehr passen. Dann lege ich das Buch beiseite, als das Essen kommt.
Die Forelle ist gut. Zarter, weißer Fisch, knusprige Haut, ein Schuss Zitrone. Ich esse langsam, trinke den Wein dazu. Die Luft kühlt ab, ich ziehe mir den dünnen Pullover über die Schultern, den ich in der Tasche hatte. Die Grillen beginnen zu zirpen, ihr Geräusch durchdringt die Dämmerung wie ein gleichmäßiger Strom.
Ich bemerke die beiden Frauen erst, als eine von ihnen lacht — ein klares, ungeniertes Lachen, das über die Terrasse schneidet. Sie sitzen am Nachbartisch, vielleicht drei Meter entfernt. Zwei Frauen, beide Mitte dreißig, schätze ich. Die eine — etwas kleiner, dunkles Haar, das sie zu einem losen Zopf gebunden hat, ein Gesicht, das lacht, bevor der Mund sich öffnet. Sie trägt eine Wanderjacke, darunter ein T-Shirt, Jeans, wandertaugliche Schuhe. Die andere — größer, schlank, aschblondes Haar, das ihr bis auf die Schultern fällt. Ihr Gesicht ist ruhiger, die Züge gleichmäßiger, aber etwas in der Art, wie sie der anderen zuhört, verrät eine Aufmerksamkeit, die über Höflichkeit hinausgeht. Sie trägt ein langärmliges Hemd, aufgerollt bis zu den Ellbogen, eine Stoffhose, die durch Knöpfe am Sauf gehalten wird.
Ich wende den Blick ab, konzentriere mich auf meinen Wein. Aber das Lachen der Dunkelhaarigen ist ansteckend, und ich merke, wie mein Mundwinkel sich hebt, ohne dass ich es will.
„Entschuldigung," sagt die Dunkelhaarige plötzlich, und ich merke, dass sie mich anspricht. „Sie sitzen hier so schön allein — stören wir Sie?"
Ich schaue auf. Beide Frauen haben sich mir zugewandt. Die Dunkelhaarige grinst, die Blonde lächelt, leiser, aber nicht weniger warm.
„Überhaupt nicht," sage ich. „Ich habe mich eher an Ihrem Lachen erfreut."
Das Grinsen wird breiter. „Dann haben Sie wenigstens etwas Unterhaltung."
„Sind Sie allein unterwegs?" fragt die Blonde. Ihre Stimme ist tiefer, als ich erwartet habe, und ruhig.
„Ja. Mit dem Wohnmobil."
„Oh, Wohnmobil!" Die Dunkelhaarige beugt sich vor, als hätte ich ein Zauberwort gesagt. „Wir sind mit dem Motorrad da. Zwei Wochen. Die Alpenpässe, dann runter zum See."
Ich hebe die Augenbrauen. „Motorrad. Das ist mutig in diesem Wetter."
Die Dunkelhaarige zuckt die Schultern. „Wir mögen es, wenn es wehtut." Sie sagt es beiläufig, fast neckend, aber ich höre etwas darin, das über den Scherz hinausgeht. Die Blonde schmunzelt, sagt nichts.
Ich frage nach der Route. Sie erzählen — von den Pässen, den Kurven, dem Regen, der sie gestern erwischt hat, von einer kleinen Pension, in der sie übernachtet haben, weil es zu nass war, um das Zelt aufzubauen. Die Dunkelhaarige — sie stellt sich vor als Jule — redet schnell, mit den Händen, springt von einer Geschichte zur nächsten. Die Blonde — sie nennt sich Nora — ergänzt, korrigiert, manchmal nur mit einem Blick oder einem halben Satz.
Ich erzähle von meiner Fahrt, von dem Archiv, aus dem ich mich habe vorzeitig pensionieren lassen, von dem Plan, den Sommer zu nutzen, um Orte wiederzusehen, die ich vergessen hatte. Jule fragt, was ich archiviert habe. Ich sage: „Alte Dokumente. Briefe, Akten, Dinge, die niemand mehr lesen wollte." Sie lacht. „Dann wissen Sie, wie man Dinge findet, die andere verlieren." Ich überlege, dann nicke ich. „So ähnlich."
Wir reden über Reisen, über das Alleinsein, über den Unterschied zwischen Einsamkeit und Freiheit. Jule sagt, sie könne nicht lange allein sein, sie brauche jemanden, der zuhört. Nora sagt: „Deshalb bin ich da." Es klingt wie ein Scherz, aber die Art, wie sie Jule dabei ansieht, ist nicht scherzhaft. Ich merke es, registriere es, lege es ab.
Die Grillen sind lauter geworden, die Terrasse hat sich geleert. Walter bringt die Rechnung, ohne dass ich darum bitte. Er nickt mir zu, dann den beiden Frauen. Ich merke, dass er sie kennt — ein Gruß, der über Höflichkeit hinausgeht. Stammgäste, vielleicht, oder schon länger hier.
Wir verabschieden uns. Jule streckt die Hand aus, drückt die meine, fest und warm. Nora nickt nur, aber ihr Blick bleibt einen Moment länger an mir, als es üblich wäre.
„Vielleicht sieht man sich morgen," sagt Jule.
„Vielleicht," sage ich.
Ich gehe über die Wiese zurück zu meinem Wohnmobil. Das Gras ist feucht, die Schuhe sinken leicht ein. Der See ist jetzt schwarz, kein Mond, nur die Sterne, die sich im Wasser spiegeln. Ich schließe die Tür hinter mir, ziehe die Schuhe aus, streife das Kleid über. In der Wolldecke auf dem Bett lese ich noch zwei Seiten Kafka, dann stelle ich das Licht aus. Die Dunkelheit ist vollständig. Ich liege da und höre die Grillen und das Wasser und denke an das Lachen der Dunkelhaarigen und den ruhigen Blick der Blonden. Dann schlafe ich.
Der nächste Tag vergeht langsam. Ich wandere, eine kleine Runde um den See, dann hinauf zu einem Aussichtspunkt, von dem aus man das Tal sieht. Ich lese, ich notiere, ich koche mir eine einfache Mahlzeit auf dem kleinen Gaskocher. Am Nachmittag setze ich mich mit dem Tablet auf den Schoß vor das Wohnmobil, unter die Markise. Ich lese einen Artikel über die Restaurierung alter Handschriften, etwas, das mich früher beschäftigt hätte, das mich aber jetzt nur noch am Rande interessiert. Ich schließe das Tablet, lege es beiseite, und schenke mir ein Glas Wein ein — eine Flasche Grillo, die ich in der Kleinstadt an der Landstraße gekauft habe, gelblich im Glas, mit einem Duft, der an Stroh und Zitrus erinnert.
Die Sonne steht tief, das Licht ist weich, fast flüssig. Ich sitze in einem der Klappstühle, die Beine übereinandergeschlagen, die Wollsocken an den Füßen, und schaue auf den See. Es ist ruhig. Die anderen Stellplätze sind besetzt — ein Paar aus den Niederlanden, das mit Fahrrädern angereist ist, eine Familie mit einem alten VW-Bus —, aber jeder hält Abstand. So ist es hier.
Ich höre Schritte auf dem Gras und wende den Kopf.
Es sind die beiden Frauen. Jule hat die Wanderjacke ausgezogen, über die Schultern gehängt, das T-Shirt darunter hat Schweißflecken unter den Achseln. Nora geht neben ihr, die Hände in den Taschen der Stoffhose, das Hemd jetzt ohne Aufrollung, die Ärmel bis zu den Handgelenken geschlossen. Beide sehen aus, als hätten sie eine lange Strecke hinter sich.
„Hallo!" ruft Jule, als sie mich sieht. „Da sind Sie ja."
„Da bin ich," sage ich. „Guten Abend."
Sie bleiben stehen, im Halbkreis vor meiner Markise. Nora mustert das Wohnmobil, den kleinen Tisch, das Glas Wein, das Tablet. Jule sieht nur das Glas.
„Rotwein?"
„Weiß. Grillo."
„Grillo," wiederholt Jule, als sei es ein Begriff, den sie prüfen muss. „Darf ich?"
Ich nicke. „Natürlich. Setzen Sie sich."
Ich hole zwei weitere Gläser aus dem Wohnmobil, schenke ein. Jule nimmt das Glas, trinkt sofort, schmatzt laut. Nora wartet, bis ich ihr das Glas reiche, nimmt einen kleinen Schluck, nickt.
Wir sitzen. Drei Stühle, drei Gläser, die Dämmerung über dem See. Jule erzählt von der Wanderung, die sie gemacht haben — hinauf zu einem Bergsee, drei Stunden Aufstieg, die letzte Strecke steil. Sie redet, wie sie gestern geredet hat — schnell, mit den Händen, springend. Nora sitzt neben ihr, das Glas in beiden Händen, und hört zu. Manchmal korrigiert sie eine Zeitangabe oder eine Wegbeschreibung, und Jule akzeptiert es ohne Widerspruch.
Aus einem Glas werden zwei. Ich öffne eine zweite Flasche, diesmal ein Rosé, den ich im Kühlfach hatte. Die Farben des Himmels verschieben sich — Orange zu Violett zu einem tiefen Indigo. Die Grillen beginnen, und irgendwo am See ruft ein Vogel, den ich nicht kenne.
Die Stimmung lockert sich. Jule fragt mich nach meinem Beruf, und ich erzähle mehr als gestern — vom Archiv, von den Jahrzehnten in der Bibliothek, von der Ordnung, die ich liebte, und von der Enge, die aus dieser Liebe entstand. Nora fragt: „Warum haben Sie aufgehört?" Ich überlege. „Weil die Ordnung mir nicht mehr gereicht hat." Sie nickt, als verstünde sie mehr, als ich sage.
Jule erzählt von sich. Sie arbeitet in einem Tierheim, hat Tiermedizin studiert, aber nicht abgeschlossen. Sie redet schnell über ihre Tiere — Hunde, Katzen, einmal einen Igel — und ich merke, dass sie mit den Händen spricht, weil sie es gewohnt ist, Dinge zu greifen, zu halten, zu berühren. Nora arbeitet in der Verwaltung einer Stiftung, etwas mit Kultur und Förderung. Sie spricht weniger über sich, aber wenn sie spricht, sind die Sätze präzise, gewählt.
Ich schenke nach. Das dritte Glas. Die Luft kühlt ab, ich hole eine Wolldecke aus dem Wohnmobil und breite sie über meinen Schoß. Jule fragt, ob sie sich anlehnen darf — an das Wohnmobil, nicht an mich — und rutscht vom Stuhl auf den Boden, das Glas in der Hand, die Beine ausgestreckt. Nora bleibt sitzen, aber sie lehnt sich zurück, der Kopf gegen die Wand des Wohnmobils, die Augen auf den See gerichtet.
Es ist in diesem Moment — als Jule den Kopf in den Nacken legt, um das Glas zum Mund zu führen —, dass mein Blick darauf fällt.
Ein Band um ihren Hals. Schlicht, dunkles Leder, schmal, vielleicht einen Zentimeter breit. Und daran, genau über dem Kehlkopf, ein kleiner Ring aus Metall. Nicht versilbert, nicht verchromt — massiv, von einer Farbe, die im Licht der Campinglampe gedämpft glänzt. Stahl, vielleicht, oder Titan. Das Band liegt flach an der Haut, nicht zu fest, nicht zu locker. Es wirkt nicht wie Schmuck, der zufällig gewählt wurde. Es wirkt getragen, bewusst, mit Absicht.
Ich starre nicht. Mein Blick verharrt, vielleicht zwei Sekunden, dann wende ich mich dem Glas in meiner Hand zu. Aber in diesen zwei Sekunden passiert etwas. Jule bemerkt meinen Blick — ich sehe es an der Art, wie ihr Mund sich hebt, nicht überrascht, nicht ertappt. Ein Lächeln, das etwas weiß, das etwas erwartet. Sie senkt das Glas, streicht mit den Fingern über das Band, eine Geste, die beiläufig wirkt und es nicht ist.
Nora hat es gesehen. Ich merke es nicht an einer Bewegung, sondern an einer Stille — die Art, wie ihr Atem für einen Moment anhält, wie ihr Blick von Jule zu mir wandert und zurück. Sie sagt nichts. Aber ihre Haltung verändert sich, minimal — sie richtet sich auf, die Schultern einen Zentimeter weiter nach hinten, das Kinn einen Hauch gehoben.
Drei Sekunden. Vielleicht vier. Die Grillen zirpen. Die Campinglampe flackert, ein Windzug, der vorbeizieht. Jule trinkt aus. Niemand spricht.
Dann sagt Jule: „Der Wein ist gut." Und Nora sagt: „Ja." Und ich nicke und schenke nach, und das Gespräch findet seinen Weg zurück zu etwas, das sich wie Alltag anfühlt — die Wanderung morgen, der Wetterbericht, den ich auf dem Tablet abrufe, die Frage, ob der Fisch im See essbar ist.
Aber etwas ist verschoben. Ein Blatt, das sich bewegt hat. Ich merke es an der Art, wie Jule sitzt — aufrechter jetzt, die Hände ruhiger, das Lachen leiser. Und an der Art, wie Nora neben ihr sitzt — nah, die Knie fast berührend, eine Präsenz, die vorher da war, aber jetzt sichtbarer ist.
Ich frage nicht nach dem Band. Nicht jetzt. Nicht in diesem Moment, der zu zerbrechlich ist, als dass ich ihn mit einer Frage belasten könnte. Ich kenne die Antwort nicht, und ich kenne die Frage nicht richtig. Aber ich kenne den Blick, den Jule mir gegeben hat — wissend, einladend, prüfend. Und ich kenne die Stille, die Nora gewahrt hat — nicht abwehrend, nicht ängstlich, sondern wie jemand, der eine Tür öffnet und wartet, ob der andere eintritt.
Später — das dritte Glas ist leer, das vierte halb voll, und die Nacht ist vollständig — kommt das Gespräch auf Vertrauen.
Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kommt. Vielleicht ist es der Wein, vielleicht die Dunkelheit, vielleicht die Tatsache, dass wir drei hier sitzen, fremd und doch nah, in einer Nacht, die uns gehört. Jule sagt etwas über ihre Arbeit im Tierheim, über die Hunde, die kommen und gehen, über die Schwierigkeit, ein Tier abzugeben, das ihr vertraut hat. Dann sagt sie: „Vertrauen ist das Schwerste. Und das Einfachste."
Nora schaut sie an, nicht mich. „Was ist einfach daran?"
Jule zuckt die Schultern. „Wenn man sich entscheidet. Wenn man aufhört, zu fragen."
Ich höre. Ich höre auf die Worte und auf das, was zwischen ihnen liegt. Nora sagt: „Entscheidung ist nicht dasselbe wie Aufgabe." Und Jule sagt: „Manchmal schon."
Es entsteht eine Pause. Nora schaut auf ihr Glas. Jule streicht wieder über das Band an ihrem Hals, diesmal langsam, der Finger folgt dem Leder bis zum Ring, bleibt dort, dreht ihn leicht. Ich sehe es, und sie weiß, dass ich es sehe.
Ich sage: „Vertrauen bedeutet, dass man etwas trägt, ohne es ständig prüfen zu müssen."
Nora hebt den Kopf. Sie schaut mich an, zum ersten Mal in diesem Teil des Gesprächs direkt. Ihr Blick ist messend, nicht kalt, aber nicht warm — der Blick von jemandem, der prüft, ob der Boden trägt, bevor er einen Schritt macht.
„Ja," sagt sie. „Genau das."
Jule sagt nichts. Aber ihre Hand löst sich vom Ring, und sie legt sie auf Noras Knie. Nora deckt sie mit der ihren. Die Geste dauert drei Sekunden, dann lassen beide los.
Das Gespräch weicht. Jule fragt mich nach Kafka, den sie gestern auf dem Tisch gesehen hat. Ich erzähle von Gregor Samsa, von der Verwandlung, von der Frage, was man wird, wenn man aufhört, das zu sein, was andere erwarten. Jule sagt: „Vielleicht wird man dann das, was man immer war." Nora sagt: „Oder man wird etwas Neues." Ich merke, dass beide Antworten nicht zufällig sind.
Wir reden über Berufe, über Beziehungen, über das Leben, das man sich aussucht, und das Leben, das sich einen aussucht. Jule erzählt von einer langen Beziehung, die zerbrochen ist, vor drei Jahren, und von der Zeit danach, in der sie gelernt hat, dass Alleinsein nicht dasselbe ist wie Einsamkeit. Nora hört zu, sagt wenig, aber ich merke, dass sie diese Geschichte schon kennt — nicht aus Erzählung, sondern aus Nähe.
Ich erzähle von meiner Arbeit, von den Jahrzehnten in der Bibliothek, von der Stille, die ich liebte, und von der Stille, die mich am Ende erstickt hat. Ich sage: „Ich bin gegangen, weil ich bleiben wollte. Auf eine andere Art."
Jule nickt. Nora fragt: „Und? Ist es anders?"
Ich überlege. „Ja. Aber nicht leichter."
Es ist spät. Die Campinglampe ist schwächer geworden, die Batterie geht zur Neige. Jule gähnt, ungeniert, streckt sich. Nora schaut auf ihr Handy — die Zeit, eine Nachricht, etwas, das sie kurz liest und beiseite legt.
„Wir sollten gehen," sagt Nora.
Jule richtet sich auf, vom Boden aus, mit einer Geschmeidigkeit, die mich an eine Katze erinnert. Sie streicht sich über die Halsgegend — über das Band — und lächelt mich an.
„Schlafen Sie gut," sagt sie.
„Ihr auch," sage ich.
Nora steht schon. Sie wartet auf Jule, die sich die Wanderschuhe anzieht, die sie ausgezogen hatte, als sie sich auf den Boden gesetzt hat. Dann gehen sie, nebeneinander, über die Wiese. Ich sehe ihre Silhouetten im Mondlicht — Jule kleiner, lebhafter, Nora größer, ruhiger. Sie verschwinden zwischen den anderen Wohnmobilen.
Ich bleibe sitzen. Das Glas in meiner Hand ist leer. Ich schaue auf den See, auf das Schwarz des Wassers, das das Schwarz des Himmels spiegelt. Ich denke an das Band, an den Ring, an den Blick, den Jule mir gegeben hat, und an die Stille, die Nora gewahrt hat. Ich denke an Vertrauen, an Rollen, an die Dinge, die Menschen tragen — sichtbar und unsichtbar.
Ich räume die Gläser ab, wasche sie im Wohnmobil, stelle sie zurück. Ich ziehe mir das Strickkleid über, das ich für die Nacht bereitgelegt habe, und lege mich auf das Bett. Die Wolldecke über mir, das Notizbuch neben dem Kopfende. Ich schreibe einen Satz hinein: „Menschen sind nie das, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen." Dann schalte ich das Licht aus und liege in der Dunkelheit, höre die Grillen und das Wasser und den Atem der Nacht.
Die nächsten Tage verändern sich.
Am ersten Morgen nach dem Weinabend stehe ich früh auf, koche Kaffee auf dem Gaskocher, und als ich mit der Tasse vor dem Wohnmobil sitze, kommen Jule und Nora vorbei. Sie haben Brot dabei, und Käse, und wir frühstücken zusammen, auf der Wiese, im Sonnenschein, der die Tautropfen vom Gras verdunsten lässt. Jule erzählt von einem Hund im Tierheim, der nicht lernen will, auf seinen Namen zu hören. Nora sagt: „Vielleicht hört er auf einen anderen." Jule lacht.
Am zweiten Tag machen wir eine Wanderung. Drei Stunden, hinauf zu einem Bergsee, der in einem Kessel liegt, umgeben von Fels und Gras. Jule geht voraus, schnell, ungeduldig, springt über Wurzeln. Nora geht hinter ihr, gleichmäßig, kein Tempowechsel. Ich gehe zwischen ihnen, mein Rhythmus, meine Geschwindigkeit. Am See setzen wir uns, essen das Brot, das Nora vorbereitet hat — belegt, geschnitten, in Leinen gewickelt. Jule schwimmt, ohne Badezeug, ich wende den Blick ab, Nora nicht. Ich merke es, aber ich sage nichts.
Am dritten Abend grillen wir. Walter hat uns Holzkohle gegeben, und Jule brät Würste und Zucchini auf dem kleinen Grill, den ich aus dem Wohnmobil geholt habe. Wir essen stehend, von Papptellern, mit den Fingern. Nora schenkt Wein ein, ich bringe den Salat, den ich vorbereitet habe. Die Niederländer kommen vorbei, das Paar mit den Fahrrädern, und wir reden über Routen und Wetter und die Qualität des Biers, das Walter ausschenkt.
Am vierten Tag machen wir eine Fahrradtour um den See. Drei Stunden, langsam, mit Pausen. Jule trägt das Band. Ich habe aufgehört, es nicht zu bemerken. Es ist da, wie ihre Stimme, ihr Lachen, ihre Hände. Nora fährt neben ihr, und manchmal, wenn Jule zu schnell wird, legt Nora eine Hand auf ihren Rücken, und Jule verlangsamt. Es ist eine Geste, die niemand außer mir sieht.
Abends sitzen wir zusammen. Jedes Mal vor meinem Wohnmobil, unter der Markise, mit Wein und Worten. Die Gespräche werden länger, persönlicher. Jule erzählt von ihrer Familie — einer Mutter, die nicht versteht, warum sie im Tierheim arbeitet, einem Vater, der schweigt. Nora erzählt von ihrer Arbeit, von der Stiftung, von den Anträgen, die sie liest, und den Geschichten, die darin stecken. Sie sagt: „Jeder Antrag ist eine Bitte. Und jede Bitte ist ein Eingeständnis."
Ich erzähle von meinem Archiv. Von den Briefen, die ich gelesen habe — Hunderte, Tausende, von Menschen, die sich etwas wünschten, etwas erklärten, etwas vertrauten. Ich sage: „Briefe sind die ehrlichste Form der Sprache. Weil man allein ist, wenn man sie schreibt."
Jule fragt: „Und jetzt? Schreiben Sie noch Briefe?"
Ich überlege. „Ich schreibe Notizen. An mich selbst."
„Das ist auch ein Brief," sagt Nora.
Ich merke, dass sich etwas gelöst hat. In mir. In der Art, wie ich sitze, wie ich spreche, wie ich zuhöre. Die Distanz, die ich gewahrt habe — die professionelle, die altersgemäße, die schützende — ist dünner geworden. Nicht verschwunden, aber durchlässiger. Ich lasse Worte zu, die ich sonst prüfe. Ich lache über Dinge, die ich sonst nur zur Kenntnis nehme. Ich erlaube mir, neugierig zu sein.
Eines Abends — es ist der sechste oder siebte Tag, ich habe aufgehört zu zählen — kommt Jule allein zu mir. Nora sei müde, sagt sie, sie liege im Zelt und lese. Jule setzt sich auf den Stuhl, die Beine angezogen, das Kinn auf die Knie. Sie trägt ein T-Shirt und die Jogginghose, die sie abends trägt. Das Band liegt an ihrem Hals, der Ring glänzt im Licht der Lampe.
Wir reden. Über dies und das, über den Tag, über den Hund, der immer noch nicht auf seinen Namen hört. Dann, plötzlich, sagt Jule: „Sie haben es gesehen. Das Band."
Ich nicke. Keine Frage, keine Erklärung. Nur das Nicken.
„Fragt Sie nicht, was es bedeutet?"
Ich überlege. „Es bedeutet, was es für Sie bedeutet."
Jule schaut mich an. Ihr Blick ist anders als sonst — nicht lachend, nicht provozierend, nicht prüfend. Offen, auf eine Art, die ich nicht erwartet habe. Sie sagt: „Es bedeutet, dass ich etwas trage, das jemand mir gegeben hat. Und dass ich es nicht abnehme."
„Wer?" frage ich.
Sie lächelt. „Nora."
Ich sage nichts. Sie sagt nichts. Die Grillen zirpen, die Lampe flackert, der See schlägt gegen den Steg.
Dann sagt Jule: „Es ist nicht, was Sie vielleicht denken."
„Ich denke nichts Bestimmtes."
„Doch." Sie lächelt. „Das tun Sie. Ich sehe es."
Ich streiche über den Rand meines Glases. „Vielleicht. Aber ich urteile nicht."
„Das weiß ich." Sie sagt es leise, und in ihrer Stimme liegt etwas, das ich nicht benenne. „Deshalb sitze ich hier."
Sie geht kurz darauf. Ich bleibe sitzen, das leere Glas in der Hand, und schaue auf den See. In der Ferne höre ich die Tür ihres Zeltes, gedämpfte Stimmen — Jule und Nora, Worte, die ich nicht verstehe. Ich denke an das Band, an den Ring, an die Worte „es ist nicht, was Sie vielleicht denken." Und ich denke daran, dass ich nicht weiß, was ich denke. Dass meine Neugier mich an Orte führt, die ich nicht kenne, und dass ich nicht sicher bin, ob ich dorthin gehören will.
Am nächsten Morgen frühstücken wir wieder zusammen. Nora ist da, ruhig, präsent, die Hände um die Kaffeetasse. Jule sitzt neben ihr, die Schultern berühren sich. Das Band liegt an ihrem Hals, sichtbar, unauffällig, getragen.
Ich schaue nicht hin. Aber ich weiß, dass es da ist.
Wir reden über den Tag, über das Wetter, über die Wanderung, die wir planen. Es ist normal, alltäglich, leicht. Und darunter, wie ein Grundriss unter einem Boden, liegt etwas anderes — eine Struktur, die ich erahne, ohne sie zu kennen. Rollen, Verantwortung, Vertrauen. Dinge, die getragen werden, ohne dass man sie sieht.
Ich packe meinen Rucksack für die Wanderung. Die Ledertasche über die Schulter, das Notizbuch, die Wasserflasche. Ich gehe mit ihnen, über die Wiese, den Pfad hinauf, den Bergsee entgegen. Jule geht voraus, Nora hinter ihr, ich dazwischen. Die Sonne scheint, die Grillen zirpen, und der See liegt hinter uns, still und schwarz und voller Dinge, die unter der Oberfläche bleiben.
Ich denke: Menschen sind nie das, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Und ich denke: Das ist gut so.