Beim kramen in meinen alten Aufzeichnungen hab ich gerade dieses Geschichtenfragment gefunden, das ich mal hier veröffentlichen möchte.
Vielleicht habt ihr ja Lust, euch an der Fortsetzung zu beteiligen ...
Die Geschichte hat mit Magie zu tun und ist schon deshalb absolut fiktiv.
# Dein wahrer Name
Als Eva an diesem Abend das Büro verließ wollte sie nur noch nach Hause, die Badewanne mit heißem Wasser vollaufen lassen und so lange drin liegen bleiben, bis sich dieser wohlige Wärmerausch einstellt, bei dem dir dein Kopf so wunderbar schwebend vorkommt. Dann wollte sie sich in ein großes Bedetuch einwickeln, auf das Bett legen und sich mit ihrem Chromglänzenden Freund mindestens drei, vielleicht mehr Orgasmen gönnen um dann entspannt zu schlafen und an nichts mehr zu denken bis morgen der Wecker einen neuen öden Arbeitstag einleutet.
Den Blazer ihres Kostüms über die Schulter geworfen und mit ihrer schmalen Aktentasche unter dem Arm schlenderte sie Richtung Straßenbahn. Die wenigen Schaufenster an denen sie vorüber kam kannte sie inzwischen auswendig und so warf sie nur einen beiläufigen Blick auf ihr eigenes Spiegelbild und befand, dass sie mit dem was sie sah trotz ihrer inzwischen 36 Lenze ganz zufrieden sein konnte.
Seit sie wieder single war, hatte sie zwar keinen Sex mehr gehabt, aber das störte sie nicht sonderlich. Die Bekanntschaften bei diversen Kulturveranstaltungen, die sie besuchte, waren auf einer intellektuellen Ebene außerordentlich anregend und für die Befriedigung hatte sie ja ihren Freund aus Chrom. Während sie auf die Bahn wartete, schweiften Evas Gedanken über die vergangenen zehn Monate. Von den interessanteren Männern, die sie kennen gelernt hatte, konnte sie sich keinen einzigen beim Sex vorstellen. Zu alt, zu langweilig, zu vergeistigt, zu verheiratet, ...
Den ein oder anderen hatte sie abblitzen lassen, mit etlichen hatte sie sich mehr oder weniger intensiv unterhalten. Wirklich nachhaltig in Erinnerung geblieben war ihr keiner. Umso mehr erstaunte es sie, dass sie den distinguierten Herren im Nadelstreif, der gerade an die Haltestelle trat, sofort als den freundlichen Russland-Liebhaber wiedererkannt, mit dem sie sich vor zwei Wochen beim Konzert im Rathaussaal in der Pause und auch anschließend bei einem Glas Wein über die Magie der Musik unterhalten hatte.
Er stieg, ohne sie zu beachten, in die Bahn und Eva nahm die übernächste Tür. Sie steuerte eine freie vierer-Sitzgruppe an und freute sich, dass er sich ihr gegenüber setzte. Er lächelte:„Frau Eva, habe ich recht? - Wir sind uns nach Rimsky-Korsakov musiktheoretisch näher gekommen.” Eva stutzte. Waren sie wirklich schon bei Vornamen gewesen? Sie konnte sich jedenfalls an seinen absolut nicht erinnern. Außerdem, warum sprach er sie mit „Frau Eva” an? reichlich antiquiert den Vornamen mit einer förmlichen Anrede zu verbinden
.
„Doch, natürlich erinnere ich mich.” entgegnete sie,„nur - verzeihen Sie - ihren Namen habe ich mir nicht gemerkt.” „Ich verzeihe nur allzu gerne, Frau Eva. Ich nenne meinen Namen nur außerordentlich ungern. Doch Ihren Namen kenne ich inzwischen sehr gut.” Er beugte sich ein wenig vor, wie um ihr etwas zuzuflüstern und raunte ein Wort, das zu leise war, als dass Eva es verstanden haben könnte. Sie öffnete ihren Mund um nachzufragen, doch er legte mit einem freundlichen Lächeln den Finger auf seine Lippen. Eva schwieg und wunderte sich gleichzeitig, warum sie es tat.
„Nun, Frau Eva”, setzte er in demselben freundlichen Ton erneut an,„haben Sie keine Wahl mehr. Ich nehme sehr stark an, dass Sie noch keine Bekanntschaft mit Wortmagie gemacht haben. Deshalb erläutere ich Ihnen, was eben passiert ist.”
In Evas Kopf überschlugen sich die Gedanken. Sie fühle eine Million Entgegnungen in ihrem Kopf Gestalt annehmen, doch keine einzige wollte ihr über die Lippen kommen. Unglauben paarte sich mit einem Anflug von Angst und die Verwunderung darüber, dass die sonst so eloquente Eva der Aufforderung zu schweigen folgte nahm immer größeren Raum ein.
Der Musikliebhaber fuhr indessen ungerührt fort:„Was ich eben zu ihnen sagte war nichts weniger als ihr wahrer Name. Der Name, wenn Sie so wollen, bei dem Gott sie am Beginn ihres Lebens gerufen hat. Oder, falls sie nicht an die Existenz Gottes glauben, der Name, der ihnen vorherbestimmt ist. Ich selbst bin Wortmagier und verfüge über die Gabe, die wahren Namen von Menschen zu erfahren. Sie selbst haben ihn mir unwillentlich bei unserem Gespräch über die Erotik der russische Symphonischen Dichtung verraten. Jetzt, da ich ihnen ihren wahren Namen zugeflüstert habe, sind sie vollkommen in meiner Macht. Sie werden alles was ich ihnen befehle ausführen, wie sehr auch ihr Intellekt sich dagegen wehren mag. Erst wenn ich sie gelehrt haben werde, ihren eigenen wahren Namen selbst auszusprechen, werden sie frei sein. Außer uns beiden wird niemand auch nur eine Idee von unserem besonderen Verhältnis haben, denn für alle anderen Personen findet dieses Gespräch nicht statt und es wird auch jedes unserer künftigen Zusammentreffen nur uns beiden bewusst sein. Sie, Frau Eva, werden ihr Leben genauso weiter leben, wie bisher, nur mit dem kleinen Unterschied, dass sie jetzt mir gehören.”
Er lenhte sich zurück und lächelte.